Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Institut für deutsche Literatur

Lehrveranstaltungen

SS 2014: Johann Gottfried Herder zwischen Philologie und Kulturwissenschaft, Dienstag 12-14 Uhr, DOR 24, Raum 1.504

In den vergangenen Jahren wurde kontrovers diskutiert, ob sich die Germanistik kulturwissenschaftlich öffnen solle oder nicht vielmehr re-philologisieren müsse – im Verlauf dieser Kontroversen zeigte sich vor allem, dass man von einer falschen Alternative ausgegangen war. Philologie und Kulturwissenschaft schließen sich nicht aus, sie bedingen sich vielmehr wechselseitig. Das lässt sich an einem Autor des 18. Jhs. wie Johann Gottfried Herder besonders gut zeigen. Einerseits muss, wer sich mit Herder beschäftigen will, einiges philologisches Handwerkszeug mitbringen: Die druckschriftliche Überlieferung ist auf seine Handschriften zu beziehen; neben der deutschen Literatur gerät die antike Dichtungstradition in den Blick; und schließlich sind die theologischen Bezüge von Herders Reden und Schreiben zu berücksichtigen. Diese Kompetenzen, die im Lehr- und Forschungsbetrieb des 19. Jhs. noch fest verankert waren, sind aus dem germanistischen Curriculum weitgehend verschwunden. In der Übung, die das SE begleitet, wollen wir uns daher den editionsphilologischen Problemen widmen, die uns Herders Werk bis heute aufgibt. Andererseits lässt sich argumentieren, dass eine Kulturwissenschaft, wie sie sich im 20. und 21. Jh. formiert hat, ohne Herders Anregungen nicht denkbar gewesen wäre. In seinen Texten vollzieht sich eine Denk- und Schreibbewegung, die überkommene Fächergrenzen sprengt, um neue Objekte der Forschung, aber auch innovative Fragestellungen zu produzieren. So erfindet Herder etwa das Volkslied neu, indem er die Frage nach dem Ursprung auf den Prozess der Überlieferung verschiebt, ein Modell kollektiver Autorschaft entwickelt und nach den Effekten einer Mündlichkeit fragt, die sich unter den Bedingungen moderner Schriftkultur entfaltet. Diese Aktualität Herders soll in der Lektüre kanonischer Texte wie des „Journals meiner Reise im Jahr 1769“, aber auch weniger bekannter Texte freigelegt werden. Herder wird also unser Ausgangspunkt sein, um neue Forschungsperspektiven jenseits der Alternative von Philologie und Kulturwissenschaft zu entwickeln.

 

SS 2014: Editionsphilologie. Von der Handschrift zum Drucktext, Dienstag 14-15 Uhr, DOR 24, Raum 1.302

Dieser praxisbezogene Kurs ist konzeptuell mit dem Seminar „Johann Gottfried Herder zwischen Philologie und Kulturwissenschaft“ verbunden. Im Mittelpunkt  steht das „Journal meiner Reise im Jahr 1769“. Es handelt sich um einen der wenigen Texte Herders, die in den germanistischen Kanon eingegangen sind. Das ist insofern bemerkenswert, als das „Reisejournal“ nicht zu Lebzeiten des Autors, sondern erst postum veröffentlicht wurde. Diese Überlieferungsgeschichte lässt sich an Herders Nachlass rekonstruieren, der in der Staatsbibliothek zu Berlin liegt. Anhand des „Reisejournals“ werden exemplarisch die wichtigsten editionsphilologischen Probleme benannt, die sich stellen, wenn die von Herder überlieferten Hand- und Druckschriften in die Form eines geschlossenen Werks überführt werden sollen. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der spezifischen Funktion, die handschriftliche Exzerpte und Kollektaneen für gelehrte Autoren des 18. Jhs. erfüllen. Diese Perspektive soll an den Studienheften entwickelt werden, die Herder parallel zum „Reisejournal“ geführt hat, vor allem den sogenannten „Beiträgen fürs Gedächtniß“. Es ist ein Besuch in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek geplant.

 

WS 2013/14: Karl Philipp Moritz, Konstellationen einer Bildungsgeschichte. 1756-1793, Montag 10-12 Uhr, DOR 24, Raum 3.103

Im SE wird Karl Philipp Moritz’ Werk aus bildungsgeschichtlicher Perspektive interpretiert. Im Mittelpunkt steht die Lektüre des „Anton Reiser“. Als Moritz in den Jahren 1785 und 1786 die ersten drei Teile seines Romans schreibt, ist er Lehrer für Religion, deutschen Briefstil, lateinische und deutsche Sprachlehre sowie Dichtkunst am heutigen Grauen Kloster in Berlin. So erklärt sich die besondere Aufmerksamkeit, mit der im Roman verschiedene Szenen der kindlichen und jugendlichen Bildung geschildert werden: Das religiös geprägte Herkunftsmilieu Anton Reisers wird ausführlich beschrieben, seine Alphabetisierung zwischen Bibel, Gesangbuch und Belletristik, der Erwerb grundlegender Lese- und Schreibkompetenzen, der schulische Poetik- und Rhetorikunterricht sowie Reisers eigene, immer wieder scheiternde poetische Versuche. Der Roman ist also gleich doppelt in den institutionellen Kontext der Schule eingebunden: Ein Lehrer fingiert einen Erzähler, der die Geschichte jenes Schülers erzählt, der er einmal gewesen ist. Dass der Roman jedoch niemals vollendet bzw. die Fortsetzung in einem vierten Teil lange aufgeschoben wurde, weist uns auf eine gegenläufige Bewegung hin: Im Herbst 1786 verlässt Moritz den „abscheulichen Schulkerker“, zu dem Berlin ihm geworden ist, um sich in Rom als freier Schriftsteller neu zu entwerfen. Die ästhetischen Grundbegriffe, die Moritz auf dieser Fluchtbewegung entwickelt, vor allem die Begriffe von Originalität und Genie in Schriften wie „Über die bildende Nachahmung des Schönen“, scheinen dem schulischen Nachahmungs- und Imitationsbetrieb genau zu widersprechen. Moritz’ eigene Bildungsgeschichte spiegelt somit einen grundlegenden Wandel des pädagogischen und poetologischen Diskurses wider, den Heinrich Bosse jüngst als „Bildungsrevolution“ beschrieben hat – diesem komplexen Wandlungsprozess werden wir im SE am Beispiel von Karl Philipp Moritz und in der Verknüpfung von werk-, medien- und diskursgeschichtlichem Ansatz nachgehen.

 

SS 2013: „Die Berliner Schule. Perspektiven des neuesten deutschen Films (Petzold, Arslan, Schanelec)“, Dienstag 16-20 Uhr, DOR 24, Raum 1.301

Im Mittelpunkt des SE stehen die Filme der sogenannten „Berliner Schule“. Es handelt sich um eine Gruppe von Regisseuren, die an der „Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin“ (dffb) ausgebildet wurden und seit den 1990-er Jahren Filme machen. Dazu gehören vor allem Christian Petzold, Thomas Arslan und Angela Schanelec. Petzold hat zuletzt mit dem Film „Barbara“ (2012) auf sich aufmerksam gemacht. Im SE soll es um die spezifische Ästhetik dieser Filme gehen, ihre filmgeschichtlichen Voraussetzungen sowie ihre Reflexion im zeitgenössischen Filmdiskurs. Ein besonderes Augenmerk wird auf den Bezügen zum „Neuen Deutschen Film“ und der „Nouvelle Vague“ liegen. In den Sitzungen werden wir das Handwerk der Filmanalyse einüben und mögliche Fragestellungen für Ihre Hausarbeiten entwickeln.

 

WS 2012/2013: „Schillers Dramen“, Montag 10-12 Uhr, DOR 24, Raum 3.018
Im SE werden Friedrich Schillers Dramen gelesen. Ein literaturgeschichtlicher Schwerpunkt liegt auf Schillers frühen Dramen, vor allem seinem ersten veröffentlichten Drama, den „Räubern“ (1781), einem Lesedrama, das gemeinhin dem Sturm und Drang zugeordnet wird. Am Beispiel von „Kabale und Liebe“ (1784), das vielen von Ihnen noch aus der Schule bekannt sein wird, wollen wir den Zusammenhang von Schauspielkunst und Körpersprache diskutieren, um eine neue Perspektive auf die Geschichte des bürgerlichen Trauerspiels zu eröffnen. Ausgehend von der „Verschwörung des Fiesco zu Genua“ (1783) wird es schließlich um politische Tendenzen bei Schiller gehen, vor allem um das Verhältnis von Revolution und Theater. Neben der gründlichen Lektüre der Dramen und der Diskussion jüngerer Forschungspositionen wird Ihnen eine Einführung in das Schreiben wissenschaftlicher Hausarbeiten gegeben.

WS 2011/2012: „Einführung in die Neuere Deutsche Literatur: Romantik (Hölderlin, Schlegel, Kleist)“, Montag 8-12 Uhr, DOR 24, Raum 1.201

Seminarplan:

24.10.11, Seminar I: Literatur, Lesen und Literaturwissenschaft
Grundbegriffe der Literaturwissenschaft I: Text, Autor, Kommunikation
31.10.11, Seminar II: Text, Autor und Werk
7.11.11, Seminar III: Literarische Kommunikation
14.11.11, Seminar IV: Schriftlichkeit und Mündlichkeit
Grundbegriffe der Literaturwissenschaft II: Epoche und Gattung
21.11.11, Seminar V: Epoche
28.11.11, Seminar VI: Gattung
Zeichenlehren zwischen 1800, 1960 und 2000
5.12.11, Seminar VII: Zeichen
Poetik, Hermeneutik und Rhetorik
12.12.11, Seminar VIII: Poetik, Hermeneutik und Rhetorik: Friedrich Schlegel
Exemplarische Lektüren: Lyrik, Drama, Prosa
2.1.12, Seminar IX: Lyrik: Friedrich Hölderlin: Edition
9.1.12, Seminar X: Lyrik: Friedrich Hölderlin: Interpretation
16.1.12, Seminar XI: Drama: Heinrich von Kleist: Raum, Figur, Handlung
23.1.12, Seminar XII: Drama: Heinrich von Kleist: Bild, Symbol, Allegorie
30.1.12, Seminar XIII: Prosa: Heinrich von Kleist: Modus und Stimme
7.2.12, Seminar XIV: Prosa: Heinrich von Kleist: Ereignis und Geschichte
14.2.12: Klausur

SS 2011: „Alexander Kluge: Geschichten vom Kino“, Dienstag 16-18 Uhr, DOR 24, Raum 1.301
Alexander Kluge hat die Filmgeschichte der letzten Jahrzehnte entscheidend mitgeprägt. Er kann als einer der Gründerväter des sogenannten „Neuen Deutschen Films“ gelten, der seit den 1960er Jahren eine revolutionäre Ästhetik hervorgebracht hat; programmatisch ist hier Kluges preisgekrönter Spielfilm „Abschied von gestern (Arbeitstitel: Anita G.)“. In jüngerer Zeit, also seit den 1980er Jahren, hat Kluge außerdem ganz neue Formate des Privatfernsehens entwickelt, die konventionelle Sehgewohnheiten gezielt unterlaufen; typisch dafür sind die Fernsehgespräche, die Kluge bis in die Gegenwart für seine eigene Produktionsfirma „dctp“ geführt hat. Das SE will eine Einführung in diese große Bandbreite von Alexander Kluges Schaffen als Film- und Fernsehregisseur bieten. Ein Schwerpunkt wird auf der Frage liegen, wie sich Kluges Grenzgang zwischen verschiedenen Medien (vor allem Kino und Fernsehen) sowie seine Gattungsexperimente (z. Bsp. mit dem abendfüllenden Lang- und dem extremen Kurzfilm) beschreiben lassen. Ausgangspunkt für diese medienhistorischen Streifzüge sollen Kluges 2007 erschienene „Geschichten vom Kino“ sein, durch die man vor Beginn des Semesters unbedingt einmal geblättert bzw. gezappt haben sollte.

WS 2010/2011: „Recht und Poesie um 1800“, Donnerstag 16-18 Uhr, DOR 24, Raum 3.138
„Dasz recht und poesie aus einem bette aufgestanden waren, hält nicht schwer zu glauben“ – so lautet die These, die Jacob Grimm in seinem Aufsatz „Von der Poesie im Recht“ aus dem Jahr 1816 entwickelt. Das SE wird dem Verwandtschaftsverhältnis von Recht und Poesie in historischer und systematischer Perspektive nachgehen: Worin liegt die Poetizität des Rechts begründet, welchen Gesetzmäßigkeiten folgt die Poesie? Ein Fokus gilt der Diskussion von Jacob Grimms frühen rechts- und poesiegeschichtlichen Abhandlungen, aber auch seinen programmatischen Beiträgen zum Frankfurter Germanistentag im Jahr 1846. Der „Germanist“ wird dort als Gelehrter dreier Klassen vorgestellt, welcher sich der Poesie, der Geschichte und dem Recht gleichermaßen widmen soll. Er wird mit der Verwaltung eines kulturgeschichtlichen Archivs beauftragt, in das jene Quellen eingehen sollen, die einem kollektiven Schöpfungsakt des „Volksgeists“ zugeschrieben werden. Philologie und Jurisprudenz arbeiten somit am gleichen Projekt, einer – nationalen – Gedächtnisbildung, der sich auch die zeitgenössische Literatur verschreibt. Einen zentralen Bezugspunkt bilden hier Konstellationen der Marburger Romantik, die sich um Clemens Brentano, Bettina von Arnim (geb. Brentano) und Achim von Arnim gruppieren. In ihrem Zirkel greifen Poesie, rechtliche Volkskunde und Philologie unmittelbar ineinander. Die Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“, die diesen engen Konnex bezeugt, löst zugleich jedoch eine grundlegende Kontroverse aus, die das Verhältnis von Kunstpoesie und Volkspoesie betrifft: In ihrem Zeichen werden Poeten und Philologen, Dichter und Juristen schließlich auseinander treten. „Um 1800“ bezeichnet demgemäß nicht nur eine ursprüngliche Einheit, sondern auch den Beginn einer Trennungsgeschichte.