Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Institut für deutsche Literatur

Forschung


 

Forschungsschwerpunkte

 

Deutsche Literatur der Aufklärung und der Romantik

Philosophie

Vergleichende Literaturwissenschaften (Altgriechisch, Latein, Deutsch, Italienisch, Englisch, Französisch)

Wissenschaftsgeschichte (Medizin, Psychologie)

Romantheorien

Kolonialliteratur

Translation Studies

 

 

Forschungsprojekte

 

»Zur Rezeption von Shaftesbury in der medizinischen Anthropologie und in der Ästhetik der Popularphilosophie«

Inhaltsverzeichnis: 1. Zum Ziel des Forschungsvorhabens und zum Forschungszustand; 2. Fragestellung und Gliederung des Forschungsvorhabens: 2.1. Deutsche Übersetzungen Shaftesburys in der popularphilosophischen Aufklärung; 2.2. Shaftesbury und die Anthropologie zwischen Medizin und Moral; 2.3. Shaftesbury und die Doppelseitigkeit der Ästhetik

 

1. Zum Ziel des Forschungsvorhabens und zum Forschungszustand:

Mein Forschungsvorhaben hat die Analyse der Rezeption der Philosophie von Anthony Ashley Cooper, dem dritten Earl of Shaftesbury (1671-1713) in der medizinischen Anthropologie und der Ästhetik der Popularphilosophie zum Ziel. Shaftesbury gilt zusammen mit Francis Hutcheson als die Hauptfigur der Moral-Sense-Philosophie, eine philosophische Richtung der englischen Frühaufklärung, die in Europa große Berühmtheit erlangte und die aufklärerische und romantische Kultur wesentlich beeinflusste, wie es von prominenten Denkern wie Dilthey (Leben Schleiermachers, 1870) und Cassirer (Aufsätze und kleine Schriften, 1928 ff.) hervorgehoben wurde und in der jüngsten Forschung vor allem am Beispiel Wielands untersucht wird (vgl. Engelbers, 2001). Eine Studie über die Wirkung Shaftesburys auf die Popularphilosophie stellt aber immer noch (vgl. Stöckmann, 2009) ein Desiderat der philosophischen Forschung sowie der vergleichenden Literaturwissenschaft und der Medizingeschichte dar.

 

2. Fragestellung und Gliederung des Forschungsvorhabens:

Die Popularphilosophie ist eine philosophische Bewegung, die im Gegensatz zur Schulphilosophie entstand; zu ihren primären Zwecken zählen die Darstellung von nützlichen, erbaulichen Themen und die Bestimmung und der Gebrauch von kommunikativen Formen, die einem auf Grund von Gesellschaftsklasse und Erziehung hoch differenzierten Publikum das Wissen zugänglich machten und die Kultur verbreiteten. In diesem Milieu und im Gegensatz zum kartesianischen Rationalismus und zur leibnizschen Philosophie entstand in den Siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts die Anthropologie. 1772 veröffentlicht der Arzt und Popularphilosoph Ernst Platner die Anthropologie für Ärzte und Weltweise, den Basistext der neuen Disziplin. Mit dem Begriff „Anthropologie“ bezeichnet er einen neuen Annäherungsversuch an das Wissen um den Menschen, der das Problem seiner Doppelnatur, teils körperlich teils psychisch, und ihres Zusammenhangs, d.h. das commercium mentis et corporis, zu lösen versucht durch eine interdisziplinäre Modalität, die Philosophie und Medizin, Theorie und empirische Beobachtung des Einzelfalls verknüpft. Schon im Jahre 1778 sprach Herder in seinem Essay Über Erkennen und Empfinden folglich von einer «physiologischen Psychologie», womit er den vielseitigen Charakter der Disziplin unterstrich und sich auf den Empirismus bezog: Die Anthropologie wäre tatsächlich eine «empirische Theorie». Im Zentrum des Empirismus, wie Herder ihn meinte, sind die Sinne, die Sinnlichkeit, die Wahrnehmungen, unter denen die visuellen hervorragen: ein Primat der Vision, der, wie ich beweisen werde, aus der Philosophie von Shaftesbury stammt. Shaftesburys Philosophie hat – so meine These – einen sowohl thematisch als auch formell starken Einfluss auf die Popularphilosophie, indem sie sich als Modell für eine am sittlichen Handlungsbegriff orientierte Ästhetik (im Rahmen eines Kunst- und Sinnendiskurses) und für eine unsystematische Schreibweise anbietet und eine Linie eröffnet, die bis zum jungen Schiller führt.

 

2.1. Deutsche Übersetzungen Shaftesburys in der popularphilosophischen Aufklärung

Im Deutschland des achtzehnten Jahrhunderts war Shaftesbury der meist übersetzte englische Philosoph nach Locke (vgl. Willenberg, 2008). Und wenn das große Interesse deutscher Philosophen für das britische Denken als Reaktion gegen den beherrschenden französischen Materialismus entstand, gilt das noch viel mehr im Fall Shaftesburys, dessen Philosophie dank seiner platonischen Inspiration höchst attraktiv war. Einerseits wird die gesamte Betrachtung dieser Übersetzungen neue Ansichten in der an Kulturverbreitung orientierten Praxis der Popularphilosophie bieten: In einer Epoche und in einem Land, in denen die Englischkenntnisse selten waren, benutzten die Popularphilosophen die Übersetzungen als Medium für die Verbreitung und Zirkulation englischer Ideen. Anderseits wird die punktuelle Analyse von den unterschiedlichen Wörtern, die im Deutschen zur Übersetzung der Schlüsselbegriffe von Shaftesburys Philosophie benutzt wurden, erlauben, Zeiten und Pervasivitätsniveau seines Denkens zu messen.

 

2.2. Shaftesbury und die Anthropologie zwischen Medizin und Moral

Nach der Identifizierung solcher Schlüsselbegriffe und deren deutscher Übersetzungen widmet sich der zweite Teil des Forschungsvorhabens zur Untersuchung der anthropologischen Texte der Popularphilosophie. Und aufgrund der obengenannten popularisierenden Richtung der Popularphilosophie werde ich insbesondere die populärwissenschaftlichen Medizinzeitschriften der Epoche mit größter Aufmerksamkeit untersuchen. Exemplarisch sind in diesem Sinne Unzers «Der Arzt. Eine medicinische Wochenschrift» und Weikards Zeitschrift «Der philosophische Arzt», die auch die Gelegenheit bietet, die Figur des „philosophischen Arzts“ unter Berücksichtigung der Philosophie Shaftesburys zu erforschen.

 

2.3. Shaftesbury und die Doppelseitigkeit der Ästhetik 

Wegen der Zentralität der Sinne in Shaftesburys Diskurs werde ich im dritten Teil meiner Arbeit die Anthropologie mit der Ästhetik verknüpfen, indem ich die Ästhetik nicht nur als Kunsttheorie, sondern auch und überwiegend in ihrem ursprünglichen Sinn von Theorie für die Untersuchung der Sinnlichkeit und der sinnlich-emotionalen Aspekte der Wahrnehmungen betrachte. Dafür befasse ich mich mit den Werken von Popularphilosophen wie Mendelssohn, Garve, Sulzer, Eberhard und Meier. Besonders in Bezug auf Meier werde ich anhand von den Thesen Stöckmans sogar von einer „pathologischen Ästhetik“ sprechen und diesen Begriff in seiner Doppelbedeutung von „Ästhetik der Leidenschaften“ und von „kranker Wahrnehmung“ (vgl. griechische Etymologie: aisthesis: Wahrnehmung und pathos: Leiden) untersuchen.